Beziehungs - Gemälde

Wir möchten unser Gemälde endlich malen. Du und ich! Heute besorgen wir uns erstmal die Utensilien, Rahmen, Papier, Stifte, Pinsel. Oh! Schau was für ein schönes Rahmengeschäft, auch Goldrahmen, prunkvoll. Welche Auswahl, für welchen entscheiden wir uns? Schlicht und einfach oder verschnörkelt, zeitlos oder eher zeitmodern? Wert-voll oder billig? Ich möchte einen goldenen, prunkvollen, verschnörkelt, nicht geradlinig. Du eher schlicht, zweckmässig, nüchtern. Zwei Varianten, die sehr verschieden sind. Okay, es gibt einen, der Deinen Vorstellungen entspricht. Es ist einer dieser raffinierten Rahmen, in die man ein Bild hineinschieben kann, ohne dass man ihn öffnen muss. Auf diesen einigen wir uns.

Nun das Papier! Auch da haben wir verschiedene Vorstellungen! Wir können doch Stücke schneiden und zusammenkleistern, das wird vielfältig und jeder hat etwas von seinem und vom anderen. Voilà! Auf den Kleister achten wir nicht so. Der billigste ist gerade gut genug, Gebrauchsanweisung, für welchen Gebrauch, es ist für uns nicht von Belang.

Stifte, Pinsel, wir wählen von allem etwas, damit wir je nach Lust und Laune gestalten können.

Zuhause beginnen wir verliebt und voller Elan mit unserem Gemälde. Aus den verschiedenen Papieren kleben wir eine neue Leinwand. Unebenheiten, kleine Risse, sie stören uns nicht, übersehen wir sie sogar? Und wir zeichnen, malen drauf los, kräftige Farben, dick aufgetragen, viele Schichten, kreuz und quer.

Eine bunte Collage ist entstanden. Wir sind stolz auf unser Kunstwerk und hängen es in den Eingangsbereich unseres Hauses. Jeder, der hereinkommt, soll es sehen. Unsere Besucher sind fasziniert von unserem Gemälde. Alle finden es wunderschön. So eines möchten sie auch ihr eigen nennen.

Jahre vergehen - Risse entstehen auf der Leinwand, Farbe bröckelt, zu viele verschiedene Schichten, die Verbindung hält nicht. 
Wir kleistern an allen Ecken und Enden, malen nach, bessern aus.
Es wird schlimmer statt besser!
Nun belassen wir es mit seinen Fehlern, lassen es einfach so hängen, gewöhnen uns an den Anblick oder nehmen ihn gar nicht mehr wahr.

Eines Tages, eine Besucherin, sie ist unachtsam, stößt an das Gemälde, es fällt von der Wand. Der Rahmen, er zerbricht an einer Stelle. Du bückst Dich gleichzeitig mit ihr und ihr schaut euch in die Augen. Sofort verspürst Du den Wunsch, ein neues Gemälde zusammen mit ihr zu malen.

Ein neues Gemälde! Eines von Dir und ihr gestaltet! 

Warum nicht!

Wir nehmen die Leinwand aus dem zerbrochenen Rahmen. Was einst so leicht hineingeschoben wurde, wird jetzt herausgeschoben. Die Leinwand hängt etwas, aber Du und ich - zusammen - schieben wir sie vereint hinaus. Sie ist oh Wunder gar nicht so brüchig, wie wir dachten. Irgendwie ohne Rahmen wie ein neues Kunstwerk. Wir beschliessen sie zweimal zu kopieren. Das Original erhalten unsere Kinder, jeder von uns eine Kopie. Wir sehen dieses Kunstwerk mit neuen Augen - es ist schön - zeitlos - es wird immer schön sein mit all den Rissen, die geklebt wurden, mit den Verschiedenheiten, den Unebenheiten. 
Harmonisch ohne den Rahmen. EinBlick in eine gemeinsame LiebesLebensFamilienReise. Ein Bild voller Lichter, voll Sonnenschein, am Horizont wegziehende Gewitter, nachlassende Stürme, das Meer nun ruhig und das Schiff im Hafen.

Du hast inzwischen ein neues Gemälde begonnen in einem neuen Rahmen! Es verspricht schön zu werden, es gefällt mir sehr.

Und ich! Den Rahmen habe ich schon. Alleine ausgewählt, alleine gekauft! Prunkvoll, vergoldet, stabil, verschnörkelt. Er hängt ohne Leinwand in meinem Haus. Vielleicht gefällt er einem Besucher genauso gut wie mir. Er lässt sich nicht von dem Glanz des Goldes blenden, sondern erkennt den Wert, die Symbolik. Und wir ziehen los, kaufen Papier, Farben, Stifte, Pinsel.


Gewidmet dem Vater meiner Kinder, meinem besten Freund durch viele Jahre und für alle Zeiten. Ein unendliches Dankeschön!

 

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